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Familie

Bäuerliche Familienbetriebe stellen weltweit die Mehrzahl der landwirtschaftlichen Betriebe und tragen die Hauptlast der Nahrungsmittelproduktion. Unter den unterschiedlichsten Voraussetzungen gedeihen immer wieder neue Konzepte, die eine große Bandbreite abdecken. Die Vielfalt ist auch in Österreich groß.

„Jeder Tag wird gemeinsam geplant. Das Wichtigste ist das Frühstück. Da sitz ma alle zusammen und bereden, wer was macht und wo wir hin wollen, an dem Tag“, erzählt Dr. Romana Seunig, Msc. in einem Beitrag zum Thema „Bäuerliche Familienbetriebe in Österreich“ in Land&Raum, Nr. 3/2014. Für die Landwirtin mit Spezialisierung auf Kräuteranbau ist dieses Ritual ein wichtiger Teil ihres Betriebsmanagements. Was für die Kärntnerin, die früher im Management eines großen Unternehmens tätig war, mit der Leidenschaft fürs Gärtnern begann, entwickelte sich zügig weiter. Heute bewirtschaftet sie gemeinsam mit ihrer Familie das „Kräuterland“ und zählt zu den 41,6 Prozent der heimischen bäuerlichen Familienbetriebe im Hauptbewerb. In Österreich werden insgesamt 60,5 Prozent der land- und forstwirtschaftlichen Gesamtfläche von den 160.697 bäuerlichen Familienbetrieben bewirtschaftet. Dabei handelt es sich um Betriebe natürlicher Personen, aber es gibt auch noch andere Betriebsformen, etwa die Landwirtschaftliche Familienholding. Grundsätzlich sind die Voraussetzungen für bäuerliche Familienbetriebe, etwa was Grund und Boden, Klima oder die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen betrifft, innerhalb eines Staates sowie auf europäischer und internationaler Ebene sehr unterschiedlich und vielfältig. Eine Definition von „Family Farming“ ist somit nach wie vor schwierig. Auf UN-Ebene wird inzwischen daran jedoch gefeilt.

Familienbetriebe ernäheren die Welt

Weltweit gibt es mehr als 500 Millionen bäuerliche Familienbetriebe, die für 80 Prozent der Nahrungsmittelproduktion verantwortlich sind. Nimmt man die Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung ernst, müssten bis 2050 um 70 Prozent mehr Nahrungsmittel produziert werden, um die auf mehr als neun Milliarden Menschen angewachsene Weltbevölkerung zu ernähren. Ein Umstand, der verdeutlicht, welche zentrale Rolle die bäuerlichen Familienbetriebe in Sachen Nahrungsmittelsicherung spielen und vor welchen Herausforderungen sie stehen. Familiärer Zusammenhalt und die Bereitschaft, gemeinsam die Verantwortung für den Betrieb zu übernehmen bilden dafür ganz unabhängig davon, ob es künftig mehr Unterstützung gibt, oder nicht, zentrale Grundpfeiler. Letztlich fanden viele im bäuerlichen Familienbetrieb ihre berufliche Erfüllung. So wie Seunig, die mit ihrem „Kräuterland“.zu jenen 36 Prozent Frauen zählt, die einen bäuerlichen Betrieb führen. Einen bäuerlichen Familienbetrieb zu leiten ist ein Business, das Männer wie Frauen anspricht und im Alterssegment zwischen 50 und 60 Jahren sind 44 Prozent in weiblicher Hand. Apropos Alter: Früher oder später wird die Frage der Hofübernahme immer drängender. Davon war auch bei der Veranstaltung „Wer ernährt die Welt?“ des Ökosozialen Forums Österreichs anlässlich des Welternährungstags 2014 die Rede. Expertinnen und Experten aus Äthiopien oder Rumänien sorgten für eine globale Perspektive. Wovon hängt eine gelungene Hofnachfolge letztlich ab? Für den Generalsekretär des Ökosozialen Forums, DI Hans Mayrhofer, sind Größe und Lage zwar wichtig, aber nicht alles entscheidend. „Wenn die Eltern ein positives Vorbild sind, steigen die Chancen, dass die Kinder den Hof übernehmen“, sagte Mayrhofer. Wohin sich die heimische Landwirtschaft künftig bewegt, wird im „AgrarThinkTank“, einer Initiative des Ökosozialen Forums in Kooperation mit der Österreichischen Jungbauernschaft und der Landjugend Österreich erarbeitet. Ziel ist es, gemeinsam mit den Jungen Ansätze für die Landwirtschaft und den ländlichen Raum der Zukunft zu entwickeln.

Ins Rampenlicht gerückt

Wie sich bäuerliche Familienbetriebe zu dem entwickelten, was sie heute sind, liest sich oft wie ein spannendes Buch. Nicht wenige Betriebsleiter nutzten die Chance , um etwas Eigenes zu kreieren, neue Wege zu beschreiten oder ihre bisherigen beruflichen Schritte zu integrieren. Ihrer zentralen Funktion in Sachen Nahrungsmittelproduktion zum Trotz, lässt ihre Wahrnehmung durch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft teils noch sehr zu wünschen übrig. Umso wichtiger war es rückblickend, dass die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, die FAO, das heurige Jahr zum „International Year of Family Farming“ erklärte, um einen globalen Dialog anzustoßen. Ein intensiver Austausch und unzählige Diskussionen zu den unterschiedlichen Voraussetzungen, den gegenwärtigen Problemen sowie den zukünftigen Herausforderungen und Chancen waren die Folge und gegen Ende wird deutlich, dass die Arbeit an dem Themenkomplex auch 2015 fortgesetzt werden sollte. Denn der Druck, den die gegenwärtigen Veränderungen auf globaler und regionaler Ebene erzeugen, steigt und speziell der Mangel an Trainings und finanzieller Unterstützung fallen negativ ins Gewicht. In ihrer Rede anlässlich von „The Global Dialogue on Family Farming“, der Ende Oktober im FAO Headquarter in Rom stattfand, hob Dr. Evelyn Nguleka aus Zambia, Präsidentin der „World Farmers' Organisation“, deren wirtschaftliche Bedeutung hervor und unterstrich, dass es an der Zeit sei, sie als wirtschaftliche Stakeholder und „agro-preneure“ zu betrachten. Die Erkenntnisse des vergangenen Jahres sollen außerdem genutzt werden, um die Bedürfnisse bäuerlicher Familienbetriebe stärker in die Vorarbeiten zu den neuen Sustainable Development Goals der UNO einzubringen.

Bauersein hat Mehrwert

Wer bäuerliche Familienbetriebe einzig in ihrer Funktion als Nahrungsmittelproduzenten wahrnimmt, klammert andere Funktionen aus. Dazu zählen laut Experten: Arbeitsplatzbeschaffung, Agrarumweltmaßnahmen und die Steigerung des Sozialkapitals. Was die Umwelt betrifft, bewirtschafteten heimische bäuerliche Familienbetriebe im Jahr 2010 95 Prozent der geförderten ÖPUL-Flächen und hielten 98 Prozent der über ÖPUL-Tierschutzmaßnahmen geförderten Tiere. In Sachen Sozialkapital werden die Steigerung von sozialer Kompetenz in der Familie, die Verbundenheit innerhalb der Bauernschaft, die aktive Mithilfe im Dorf, und der Kontakt mit der Bevölkerung positiv hervorgehoben – Erntedankfeste und Direktvermarktung sind dabei nicht mehr die einzigen Wege. So lernen Kinder etwa am Rosenhof im Lehrnertal oder am Reiterhof der Familie Rohrmoser in St. Johann im Pongau vor Ort die vielen Facetten von Landwirtschaft im Rahmen des Projekts „Schule am Bauernhof“, an dem beide bäuerlichen Familienbetriebe teilnehmen, hautnah kennen. Und 787 sind Mitglieder im Verein „Urlaub am Bauernhof“.

Diese Vielfalt spiegelt wieder, wie die Einzelunternehmer unter den gegebenen lokalen und wirtschaftlichen Bedingungen das Beste für sich, andere und nicht zuletzt die Umwelt, herausholen. Ein gutes Beispiel ist der Bioschafhof Elpons im Südburgenland, wo das Ehepaar Elpons, die beide an der Universität für Bodenkultur studierten, Krainer Steinschafe züchtet. Beweidet werden Wiesen, die ihnen von den Besitzern zur Pflege überlassen werden, etwa schwer zu mähendes Grünland zwischen Weingärten oder Dämme. Hier entdeckten sie eine Nische, von der alle Beteiligten profitieren. Bäuerliche Familienbetriebe nach Schema F gibt es weder hier, noch anderswo auf der Welt: Etwas, das man getrost als Stärke auffassen kann. Denn junge Landwirte, die wie die Elpons etwas Neues wagen oder auch jene, die nach der Hofübernahme neue Akzente setzen, gibt es viele. Gemeinsam ist allen, die hier genannt und in „Land & Raum“ Nr. 3/2014 porträtiert wurden, dass die Ideen nie ausgehen. Mut, Leidenschaft, Wissen, Ausdauer, Kreativität und Flexibilität – das alles sind Ingredienzen, die für einen bäuerlichen Familienbetrieb die Chancen auf Erfolg erhöhen. Damit auch in Zukunft alles gut oder sogar besser läuft, braucht es darüber hinaus weltweit aber noch mehr Unterstützung von verschiedenen Seiten. Bis dahin ist das Suchen und Finden von Nischen jedenfalls eine gute Strategie, um sich auch unter dem wachsenden globalen Druck zu behaupten. Das „International Year of Family Farming“ hat jedenfalls ein Signal gesetzt. Was daraus gemacht wird, steht auf einem anderen Blatt.