Kleine Schritte, große Wirkung

Wir werden mehr

Wir werden mehr: Bis zum Jahr 2050 soll die Weltbevölkerung laut den Vereinten Nationen auf 9,3 Milliarden Menschen anwachsen, was die Ernährungssicherung zu einem Leitthema macht. Wie soll diese künftig nicht nur in Europa oder den USA, sondern überall auf der Welt sicher gestellt werden? Den Produzenten fällt dabei eine zentrale Rolle zu, doch anders, als noch Mitte des 20. Jahrhunderts, geht es heute um mehr. Landwirte stehen vor der Herausforderung, nicht bloß mehr zu erzeugen, sondern dies auch auf umwelt- und ressourcenschonende Weise zu tun. Produktivitätssteigerung, soziale Verantwortung und Umweltschutz sollen noch stärker Hand in Hand gehen, als bisher.

Veränderung positiv sehen

Als „Begleitmusik“ dieser Entwicklung lässt sich der Wandel einspannen, der sich nicht nur auf mehreren Ebenen gleichzeitig, sondern auch schneller vollzieht, als je zuvor. Jeder, ob Individuum, Gemeinschaft oder Staat ist Teil dieser Veränderungen und gestaltet sie mit. Sich aus Skepsis auszuklinken, macht langfristig keinen Sinn. Schon gar nicht in so einem wichtigen Bereich wie der Landwirtschaft. Denn egal, wie stark sich unser aller Lebensumfeld ändert – zu essen brauchen wir auch noch in hundert Jahren. Überfluss und Verschwendung auf der einen, sowie Hunger auf der anderen Seite zeigen jedoch, wie schwierig dies schon jetzt ist. In welche Richtung(en) steuert die Nahrungsmittelproduktion und können bäuerliche Familienbetriebe grundsätzlich vom Wandel profitieren und die Richtung mitbestimmen?

Neuer Inhalt, alte „Verpackung“

Ja, denn obwohl Landwirt zu sein für jeden etwas anderes bedeutet, ist sehr oft von Berufung die Rede. In letzter Zeit treten Schlagwörter wie Innovation und Unternehmergeist in den Vordergrund. Angesichts der sich wandelnden Anforderungen in Sachen Ressourcen- und Umweltschonung und unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit verändert sich das Berufsbild „Landwirt“. Viel Verantwortung gekoppelt an hohes Innovationspotenzial bilden den Rahmen, der viel Gestaltungsspielraum bietet. Speziell junge Landwirte erkennen zunehmend ihre Chancen, die individuell unterschiedlich ausfallen. Generell gehören Transparenz und Kommunikation für viele zum Beruf dazu und sie reden offener darüber, wie sie arbeiten und auf welcher Basis sie Entscheidungen, etwa in Sachen Pflanzenschutz, treffen. Wer sich in die Karten schauen lässt, muss nicht im Nachteil sein, sondern trägt zur Akzeptanz und zum Vertrauensaufbau bei. Beides ist notwendig und hilft letztlich der ganzen Branche.

Esprit und Kooperation

Die Sicht der Jungen vertraten die Junglandwirte Hermann Weiß und Paul Sterkl beim Fachtag Gemüse-, Obst- und Gartenbau der Wintertagung 2015 des Ökosozialen Forums Österreich zum Generalthema „Wirtschaften mit Zukunft: Ökosozial heißt, das Ganze sehen!“. Beide engagieren sich im „Agrar Think Tank“, einer Kooperation zwischen dem Ökosozialen Forum, der Österreichischen Jungbauernschaft und der Landjugend Österreich. Vier Schwerpunkte sind für die Zukunft aus ihrer Sicht wesentlich: Marketing, Innovation, Kooperation und Pflanzenschutz. Wieso Innovation? Für Sterkl sei die konzentrierte Förderung von Innovation, etwa über Innovationsplattformen, ein Weg, um gemeinsam Neues zu entwickeln und so zum Beispiel besser reagieren zu können, wenn Märkte gesättigt sind. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wiederum ist ein sensibles Thema und beim „Agrar Think Tank“ denkt man über Möglichkeiten einer verstärkten Zusammenarbeit mit anderen Ländern oder einem unabhängigen Forschungs- und Beratungswesen nach. Marketing und Kommunikation sind laut den beiden Junglandwirten eine „Zukunftsinvestition“ und sollten genutzt werden, um die Wirklichkeit realistisch darzustellen und um Umweltstandards zu kommunizieren. Der Klimawandel, worüber Mag. Thomas Turecek von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) redete, ist eine weitere Herausforderung und zieht Fragen zu Anbaupotenzial, Trockenheit oder Bewässerung nach sich.

Tüfteln für die Ernährung

In dieser Hinsicht, aber auch ganz generell in Sachen Nachhaltigkeit kommt der Forschung eine zentrale Rolle zu. Im Obst- und Gemüsebau geht es heute verstärkt darum, innovative und möglichst klimaneutrale Ansätze, etwa für Produktionssysteme wie das Gewächshaus, zu entwickeln. Beim Fachtag zeigten zwei Experten, was bereits möglich ist. Prof. Dr. Joachim Meyer, Universitätsprofessor in Ruhestand am Wissenschaftszentrum Weihenstephan für Ernährung, Landnutzung und Umwelt der TU München präsentierte die deutsche Zukunftsinitiative NiedrigEnergie-Gewächshaus (ZINEG-Projekt), die 2014 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet wurde. Bei diesem Projekt waren Partner aus Berlin, Osnabrück, Hannover und München/Neustadt involviert. Man setzte beim Produktionssystem an - dem Gewächshaus - und setzte sich zum Ziel, den Verbrauch fossiler Energie für Heizung und damit die (fossilen) Co2-Emissionen möglichst auf Null zu setzen. Zweites Beispiel war das Projekt Low-Energy-Gemüsebau im ungeheizten Foliengewächshaus von DI Wolfgang Palme von der HBLFA für Gartenbau-Schönbrunn, dem Veranstaltungsort des Fachtags. Im unbeheizten Foliengewächshaus anzubauen ist ein alternativer Produktionsentwurf, der durch ein Dammsystem aus organischen Abfallmaterialien in Mischung möglich wird. Im Damm entsteht Wärme und schon nach zwei bis drei Tagen heizt er sich im Inneren auf 50 bis 55 Grad auf. Die Ertragsverfrühung betrug drei bis vier Wochen und das, obwohl bereits im Februar angebaut wurde. Die moderne Forschung geht in Richtung Ressourcenschonung und Effizienz und klimaneutrale Produktion ist längst keine Zukunftsmusik mehr.

Gut geprüft, ist …

Um die Nahrungsmittelproduktion zu steigern, ist moderner Pflanzenschutz ein effektives Hilfsmittel. Dr. Albert Bergmann, Leiter des Instituts für Pflanzenschutzmittel der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH (AGES) lieferte die Fakten: Strenge gesetzliche Reglungen und ein dreistufiges Zulassungsverfahren bilden die Basis für die Risikoeinschätzung. Überraschend war wohl für einige Anwesende, dass für die Zulassung eines Pflanzenschutzmittels weit mehr Daten erforderlich sind, als zum Beispiel für Arzneimittel. Der Trend geht in Richtung „Vorsorgeprinzip“. Noch mehr Daten, verschärfte Kriterien und umfassendere Bewertungen sind die Folge. Junglandwirt Weiß betonte, wie wichtig es ist, mit den Konsumenten über den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reden. Nachvollziehbarkeit und Transparenz sind im Strategieprozess Zukunft Pflanzenbau des BMLFUW gewichtige Themen, wie dessen Leiter, Johannes Schmuckenschlager berichtete. Eines der Zwischenergebnisse war zum Beispiel die Idee, eine nachvollziehbare und transparente Maßnahmenpyramide im Pflanzenschutz (Bsp: Feuerband) aufzusetzen.

Roh oder lieber gekocht?

Die Produzenten sind jedoch nicht der einzig wichtige Faktor in Sachen Ernährungssicherheit. Wie es in den nächsten Jahren in Sachen Konsumverhalten weiter gehen könnte, erklärte Mag. Wolfgang Braunstein, Geschäftsführer der Unternehmensberatung gfa-consulting GmbH. So soll zwar der Bedarf an Lebensmitteln generell steigen, gleichzeitig wird prognostiziert, dass der Verzehr von Obst und Gemüse in der gewohnten Form als Rohware sinken könnte. Zu größten Zielgruppe avancieren die 50 bis 70 Jährigen und die Vielfalt an Distributionskanälen, etwa Online-Verkauf, Multichannel-Konsum oder alternative Formen des Einkaufs nehmen zu. Gefragt seien differenzierte Lösungen, die qualitatives Wachstum ermöglichen, was laut Braunstein „Profis mit Leidenschaft“ braucht.

Vielfalt erhalten

Einer, der im Wandel viel Potenzial erkennt, ist Hermann Pfanner der „Hermann Pfanner Getränke GmbH“. Eines ihrer Hauptprodukte ist der Apfel. Die Herausforderungen reichen von den Produktwünschen – etwa baby food quality oder vegane Apfelsäfte – bis hin zum ökologischen Fußabdruck. Besonders wichtig sei für ihn der Schutz des Genmaterials, speziell alter Sorten. In dieselbe Kerbe schlug Mag. Eva-Maria Gantar, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Höheren Bundeslehranstalt und Bundesamt für Wein- und Obstbau Klosterneuburg. Gantar plädierte für Biodiversität, da diese mit dem Profi-Obstbau Hand in Hand gehen kann. Inzwischen ist die Österreichische Obstsortendatenbank online, die die heimische Sortenvielfalt bei Apfel und Birne darstellt. Der Erhalt der Vielfalt ist darüber hinaus wichtig für die Ernährungssicherung. Hier heißt es: Nischen finden, innovative Produkte entwickeln und alternative Märkte ins Auge fassen. All das sind gleichzeitig Strategien, um sich gegen Unvorhersehbares zu wappnen. Das untermauerte DI Dr. Franz Sinabell, Direktor der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft am Beispiel der russischen Importblockade und berichtete, wie darauf reagiert wurde und wie sich der Einzelne besser vorbereiten kann.

Nicht zuletzt sind die Werte, was die Einstellung zu Nahrungsmitteln betrifft, im Wandel. Dass sich Konsumenten sogar von Handelsketten unabhängig machen können, beweist die Initiative „FoodCoops“. Diese Lebensmittelkooperative bezieht selbstorganisiert Produkte von lokalen Produzenten, worüber Isabelle Schwager vom FoodCoop „Rübezahl17“, erzählte. Neue Wege beschreiten, vernetzt denken, Alternativen suchen: Die Ernährungssicherung ist komplex und lässt sich letztlich nur von allen gemeinsam stemmen.