Klimawandel: Bürde oder Chance?

Klimawandel: Bürde oder Chance?

Montag, 8. Juni 2015: Im Bezirk Amstetten wurden wegen Unwetter zahlreiche Straßen überflutet und Häuser unter Wasser gesetzt. Andere Bilder zeigten Felder, die den Niederschlag nicht mehr aufnehmen konnten. Was die Intensität und Vorhersagbarkeit solcher Starkregenereignisse angeht, sitzen Landwirte verschiedener heimischer Gemeinden im selben Boot, selbst wenn sie die jetzigen und zukünftigen Folgen des Klimawandels mehr oder weniger stark betreffen. Fakt ist, dass sich das Klima verändert und damit mitunter auch die Bedingungen, unter denen Landwirtschaft betrieben wird. Wie und ob sich Landwirte auf mögliche Veränderungen einstellen, ist individuell jedoch verschieden.

Landwirtschaft: Ein klimasensibler Wirtschaftszweig

Das Klima wirkt sich auf das Ertragspotenzial, sprich das Wachstums-, Entwicklungs- und Reproduktionsvermögen von Pflanzen aus. Frank-Michael Chmielewski ist Experte für Agrarklimatologie am Department für Nutzpflanzen- und Tierwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. In einer Publikation zu den Folgen des Klimawandels für Land- und Forstwirtschaft zeigte er den engen Zusammenhang zwischen Klima und Landwirtschaft auf. Ein zentraler Aspekt: Ändert sich das Klima, beeinflusst das auch die Standortbedingungen. Für Landwirte kann sich die Lage dadurch verbessern, oder verschlechtern. Wie werden sich Temperatur und Niederschlagsverteilung zum Beispiel im Mostviertel in den nächsten Jahren bzw. Jahrzehnten verändern? Wird man andere Nutzpflanzen anbauen, als bisher? All das sind Zukunftsfragen, an die sich die Forschung mittels immer besserer globaler und regionaler Klimamodelle annähert. Es handelt sich dabei aber nicht um Prognosen, sondern um Szenarien, wohin sich die Situation entwickeln könnte.

Ein Blick zurück zeigt jedoch, dass sich vieles bereits verändert hat. Laut Chmielewski hat sich etwa die thermische Vegetationsperiode in Deutschland zwischen 1961 und 2005 im Mittel um 25 Tage verlängert. Sie beginnt um neunzehn Tage früher und endet rund sechs Tage später. Ist es in den kühleren Übergangsperioden wie Frühling und Herbst wärmer, kann sich das auf Kulturpflanzen positiv auswirken. Ist es im Spätfrühling bzw. Sommer jedoch sehr heiß, kann sich die Vegetationsphase verkürzen. Wassermangel verstärkt die Problematik.

Des einen Freud, ...

Der Wasserkreislauf zwischen Boden und Pflanze reagiert sensibel auf Klimaveränderungen. Hitzetage, also wenn das maximale Stundenmittel über 30 Grad liegt, sollen laut Klimamodellen häufiger werden. Für Pflanzen könnte das in Kombination mit Wassermangel problematisch sein. Ist es heiß und die Luftfeuchtigkeit niedrig, verbrauchen Pflanzen mehr Energie und verdunsten deutlich mehr Wasser – ein Getreidefeld in der Größe eines Fußballfeldes an einem heißen Sommertag immerhin bis zu 60.000 Liter Wasser. Der Boden speichert im Wurzelraum zwischen 50 und 400 Liter Wasser pro Quadratmeter und ist ein lebensnotwendiger Wasserspeicher. Steigen die Temperaturen, wird das Thema Verdunstung und wie man sie eindämmen kann, für Landwirte wichtig.

Nicht ohne Grund ist eine der Schlussfolgerungen aus einer Arbeitsgruppe, an der Mostviertler Landwirte, Forschende der Universität für Bodenkultur Wien und Vertreter der Bezirksbauernkammer Amstetten heuer teilnahmen, dass Bodenschutzmaßnahmen immer bedeutender werden. Die Arbeitsgruppe befasste sich mit Ursachen, Veränderungen und Folgen des Klimawandels auf die Region und war Teil eines aktuellen Forschungsprojekts der BOKU. Manche Veränderungen haben aus Sicht der Landwirte positive Effekte, wie die Möglichkeit, neue Kulturen und Sorten anzubauen. Was den Beteiligten Kopfzerbrechen bereitet, ist jedoch die Unsicherheit betreffend der Niederschlagsverteilung. Die Auswirkungen sind für die einzelnen Betriebe jedenfalls sehr unterschiedlich und hängen vor allem von Fruchtfolgen und Bodenbeschaffenheit ab. Fruchtbarer Boden ist nämlich nicht nur für die Ernährungssicherung unerlässlich, sondern auch eine wichtige CO2-Senke.

Wie das „Global Soil Forum“ betont, sind jedoch nur 12 Prozent der Erdoberfläche landwirtschaftlich nutzbar. Die Erosion des Bodens durch Witterung oder Bodenversiegelung ist weltweit ein Problem, da mit dem Verlust von jedem Quadratmeter Boden der Landwirtschaft der wichtigste Wasserspeicher verloren geht. In Kombination mit klimatischen Veränderungen kann sich dadurch der Pflanzenstress erhöhen. Umso wichtiger könnte es für Landwirte künftig werden, je nach Bodenbeschaffenheit und regionalen Klimaszenarien die am besten geeignetsten Pflanzen zu kultivieren. In der Pflanzenzüchtung wird bereits an einer größeren Bandbreite an robusten, stress- und krankheitsresistenten Sorten geforscht.

Wo baut man was an?

Ein weiterer Aspekt betrifft die Verschiebung der Anbauzonen. Damit hat sich u.a. der Agrarmeteorologe Josef Eitzinger, der das Institut für Meteorologie an der Universität für Bodenkultur leitet, beschäftigt. Sechs verschiedene Anbauregionen zeigen auf, wo welche Kulturpflanze gedeiht. Ein Vergleich der klimatischen Grenzwerte der Jahre 1961 bis 2000 mit denen des Atmosphärenmodells ECHAM A2 High für das Jahr 2050 in Ostösterreich verdeutlicht, dass sich die sehr warmen, warmen und trockenen Gebiete ausdehnen und sich etwa der Maisanbau weiter nach Westen verlagern könnte.

Wie Eitzinger betont, hat sich auch die Phänologie, sprich Entwicklung der Pflanzen, geändert. Beispiele sind die Blüte der Forsythie, oder das Lesereifedatum beim Wein – beides findet früher statt. Der Temperaturanstieg in den letzten Jahrzehnten hat auch die Lebensbedingungen für tierische Schaderreger, Pflanzenkrankheiten und Unkräuter beeinflusst. Chmielewski hält fest, dass saugende und beißende Schädlinge wie Blattläuse oder Schnecken die Kulturpflanzen früher und nachhaltiger schädigen. Auch der wärmeliebende Maiszünsler findet gute Entwicklungsbedingungen. Niedrige Temperaturen im Winter fallen öfter weg, wodurch sich die Populationen massenhaft vermehren können. Stärkere Verunkrautung, etwa durch Ambrosia, oder Pflanzenkrankheiten können die Erträge ebenfalls mindern.

Anpassen statt abwarten

Um das Potenzial des Klimawandels nutzen und die Schäden möglichst gering halten zu können, werden Anpassungsstrategien nötig sein. Das können etwa Veränderungen bei der Fruchtfolge, die Wahl anderer Sorten oder neue Produktionsbedingungen sein. Die Bodenqualität zu bewahren und ihn schonend zu nutzen, sowie mit den Wasserressourcen effizient umzugehen und die Verdunstung einzudämmen, sind schon jetzt unabdingbar und helfen, die Folgen des Klimawandels zu mindern. Denn diese sind vielfältig: Stärkere Verdunstung, Verschiebung der Anbau- und Temperaturzonen, Düngungseffekt durch die Luft, mehr Hitzetage und Extremereignisse, ökologische Nischen für Unkräuter und Schädlinge und ein verändertes Ertrags- und auch Schadpotenzial. Was davon tatsächlich auf eine Region zukommt, wird die Zukunft zeigen. Wer bestehen will, sollte deshalb die Ärmel hochkrempeln, sich schon jetzt dem Thema allein oder gemeinsam stellen und nicht warten, bis ihm die Folgen bzw. das Wasser bis zum Hals steht.

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