Schad‘ drum!

Jetzt im Juli beginnt für viele heimische Gemüse- und Obstsorten die Haupterntezeit und als Konsument fühlt man sich bei der großen Auswahl wie im Schlaraffenland. Allerdings bleibt auch viel Obst und Gemüse am Feld liegen. Gleichzeitig ist Armut in Österreich für mehr als zehn Prozent der Bevölkerung tägliche Realität und immer mehr Initiativen versuchen, der Lebensmittelverschwendung einen Riegel vorzuschieben. Die Frage ist: Wie lässt sich Obst und Gemüse von Anfang an so nutzen, dass auch beim Produzenten möglichst wenig entsorgt werden muss?

Überfluss ...

Zunächst ein Blick auf die Zahlen zum heimischen Obst- und Gemüseverbrauch, wofür die Versorgungsbilanz der Statistik Austria herangezogen wird. 55,7 Kilogramm Erdäpfel, 42,8 Kilogramm heimisches Obst und 111,2 Kilogramm Gemüse betrug in den Jahren 2011/2012 der Pro-Kopf-Verbrauch. Paradeiser, Zwiebeln und Karotten sind die drei beliebtesten Gemüsesorten gemessen an der gekauften Menge und Äpfel, Bananen und Orangen sind die Top-3 beim Ost. Der Selbstversorgungsgrad variiert, bei Zwiebeln betrug er 2012 laut dem Bericht „Lebensmittel in Österreich. Zahlen, Daten, Fakten 2013“ des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft satte 166 Prozent. Allerdings erreicht längst nicht alles, was auf den Feldern wächst, den Handel und vieles von dem, was gekauft wird, endet im Müll.

... kontra Verschwendung

Auf die Lebensmittelverschwendung kann man nicht oft genug hinweisen. Denn die entsorgten Mengen sind beschämend groß. Weltweit beziffert die Ernährungs- undVerfaulende Lebensmittel Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen den Verlust auf 1/3 aller produzierten Lebensmittel oder in Zahlen: 1,3 Milliarden Tonnen. Innerhalb der EU-27 nimmt Österreich hinsichtlich der Verlustmengen den 11. Platz ein. In der Europäischen Union wirft jeder Unionsbürger pro Jahr im Durchschnitt 179 Kilogramm Lebensmittel weg: 42 Prozent gehen auf das Konto privater Haushalte, zeigte die Studie „Preparatory study on food waste across EU 27“ (2010). Ganz zu Recht steht das Konsumentenverhalten – von der Einkaufsplanung über den Einkauf, die Lagerung und die Verwertung und richtige Deutung etwa vom Mindesthaltbarkeitsdatum – im Fokus vieler Initiativen. Allerdings: Auf Platz 2 folgen in Europa die Lebensmittelproduktion und -verarbeitung, wo rund 39 Prozent der produzierten Lebensmittel entsorgt werden.

Will man Näheres über den Anteil der Landwirtschaft erfahren, ist die Studie „Global Food Losses and Food Waste“ (2011) der FAO hilfreich. Demnach gehen in Europa rund 25 Prozent der Verluste bei Obst und Gemüse auf das Konto der Produzenten. Als Hauptgrund werden die hohen Ansprüche seitens des Handels und der Kunden genannt.

Wertlose Lebensmittel?

Was passiert nun eigentlich mit den Zwiebeln, Erdäpfeln oder Kopfsalaten, die nach der Ernte am Feld bleiben? Mit dem Thema Lebensmittelabfälle in der Landwirtschaft befasste sich Miriam Leibetseder vom Institut für Abfallwirtschaft der Universität für Bodenkultur Wien in ihrer Masterarbeit „Lebensmittelabfälle in der landwirtschaftlichen Produktion – Abschätzung des Verlust von Obst und Gemüse in der Landwirtschaft und während des Transports zum Händler“ (Mai 2012). Sowohl Ursachen, als auch Mengen sowie Vermeidungs- und Verwertungsmaßnahmen wurden, auch anhand qualitativer Interviews mit heimischen Obst- und Gemüseproduzenten, untersucht.

Warum wertvolle Lebensmitteln schon am Feld zu Müll werden, hat viele Gründe. Die Anforderungen des Handels, Marktpreise, Normen und Gesetze sowie (moderne) Erntemethoden, kurze Erntezeitfenster und ungünstige Witterungsverhältnisse tragen ihren Teil dazu bei. Was die Normen betrifft, wurden für zahlreiche Obst- und Gemüsesorten die einzelnen EU-Vermarktungsnormen bereits 2009 aufgehoben. Heute gelten nur mehr für 10 Erzeugnisse spezielle Normen, alles andere Obst und Gemüse unterliegt der „Allgemeinen Vermarktungsnorm“. Jene Anforderungen, die der Handel aufstellt, orientieren sich jedoch in erster Linie an Kriterien des Handels, weniger an Ernährungskriterien. Die durchgeführten Interviews zeigten zwar auf, dass Verluste ein Thema sind – genaue Mengenangaben wurden jedoch nicht gemacht. Meist ist die Produktion schon so optimiert, dass weitere Vermeidungsmaßnahmen offenbar wenig Sinn machen. Mit einem gewissen Verlust rechnet man also ohnedies. Aber: Ist wirklich alles quasi für den Müll?

Verteilen statt einackern

Verwertungsmöglichkeiten gibt es viele: Das Gemüse und Obst kann im Idealfall weiterverarbeitet werden, oder wird zu Suppengemüse oder Tierfutter. Kompostieren, zu Biogas verarbeiten oder gleich wieder einackern sind ebenfalls gängige Möglichkeiten. Was nicht verkauft werden kann, ist als Lebensmittel offenbar weniger wert – warum eigentlich? Nehmen wir Erdäpfel: Hier schätzen die Befragten die Verluste auf rund 40 Prozent. Ein Grundnahrungsmittel, von dem an anderen Stellen in Österreich zu wenig verfügbar ist. Im Vorjahr hat das Österreichische Ökologie-Institut den IST-Stand sowie den Bedarf bei sozialen und gemeinnützigen Einrichtungen betreffend der Lebensmittelweitergabe in Wien erhoben. Laut dem Projektbericht „Lebensmittelweitergabe in Wien“ gaben 44 Prozent der Befragten an, dass sie „zu wenig“ Erdäpfel zur Verfügung haben. Seit rund zehn Jahren organisieren Institutionen wie die Wiener Tafel, die Team Österreich Tafel, Le+O – Lebensmittel und Orientierung, der Sozialmarkt Wien und Partnermärkte des Dachverbands SOMA die Weitergabe von genussfähigen, aber nicht mehr verkaufbaren Produkten an bedürftige und armutsgefährdete Menschen – in Österreich sind laut EU-SILC 2012 rund 14, 4 Prozent der Bevölkerung davon betroffen. Gleichzeitig werden diese Lebensmittel vor der allzu raschen Entsorgung bewahrt: Jährlich werden allein in Wien rund 2.252 Tonnen Lebensmittel verteilt, wovon nur 5,6 Prozent entsorgt werden, etwa weil Brot hart, oder Obst und Gemüse verdorben war.

Hände, die andere versorgen

Jene Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden vor der Entsorgung zu bewahren ist ein guter Weg, um quasi am Ende der Wertschöpfungskette noch das Beste herauszuholen. In letzter Zeit mehren sich allerdings die Initiativen, welche ganz am Anfang – sprich beim Landwirt, auf dem Feld – ansetzen. Ein tolles Beispiel dafür ist die britische „Feeding the 5000“-Kampagne mit aktuellen Projekten wie „The Gleaning Network UK“. „Gleaning“ heißt übersetzt „nachernten“. Während für rund 5,8 Millionen Briten eine ausgewogene, gesunde Ernährung nicht leistbar ist, müssen Landwirte oft zig Tonnen an Obst und Gemüse auf den Feldern lassen – zwischen 20 und 40 Prozent der Produktion erreicht nie den Handel. Das „Gleaning Network UK“ koordiniert freiwillige Nacherntehelfer, Landwirte und lokale Organisationen, welche die Lebensmittel verteilen. Ein Beispiel: An einem Gleaning-Day wurden einmal auf einer einzigen Farm mehrere Tonnen Kürbisse durch Freiwillige nachgeerntet. Und laut eigenen Angaben bewahrte das Netzwerk allein im Jahr 2013 rund 48 Tonnen an Obst und Gemüse vor der Entsorgung.

Kooperation mit Mehrwert

Damit Überschuss auf der einen Seite jemand anderem zu Gute kommt, braucht es mehr solcher Initiativen – auch in Österreich. In Wien läuft derzeit etwa das Pilotprojekt „Lebensmittelpunkt Donaustadt“ im 22. Wiener Bezirk. Die Initiative ging von der MA22 und der Bezirksvorstehung Donaustadt aus und Ziel ist es, durch den Aufbau von Netzwerken und lokalen Drehscheiben für die Lebensmittelweitergabe so wenig lokal produzierte Lebensmittel wie möglich wegzuwerfen. Alle Akteure von den Produzenten über die Händler bis hin zu den Konsumenten können das Ihre dazu beitragen. Wie das funktioniert? Am besten, indem man jene, die einen Überschuss haben mit denjenigen, die das gerne abnehmen, zusammen bringt. Gemüse und Obst mit Schönheitsfehlern werden etwa vom Jugendzentrum Hirschstetten ein Mal pro Woche direkt bei der nahe gelegenen Gärtnerei Bach abgeholt und mit den Kindern und Jugendlichen verkocht. Die Gärtnerei muss weniger Lebensmittel wegwerfen und leistet gleichzeitig einen sozialen Beitrag. Und die Kinder im Jugendzentrum lernen nicht nur, wie man saisonal kocht, sondern auch, wo das Gemüse und Obst auf ihren Tellern eigentlich herkommt.